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ISAAA-Bericht 2004: 20 % mehr Gentech-Anbau weltweit
Zu Anfang eines jeden Jahres veröffentlicht die ISAAA (International service
for the acquisition of agri-biotech applications), eine internationale Non-
Profit-Organisation, die neueste Statistik zum weltweiten Anbau
gentechnisch veränderter Nutzpflanzen. Im Vergleich zum Vorjahr hat deren
Anbaufläche 2004 einen grossen Sprung gemacht: mittlerweile werden auf
81 Millionen Hektaren Biotech-Pflanzen angebaut, eine Zunahme um 20%.
Dabei profitieren inzwischen 8.25 Millionen Landwirte von den neuen
Technologien.
Das Tempo der Zunahme hat sich dabei vor allem in den Entwicklungs- und
Schwellenländern spürbar erhöht, die Zunahme hier (+ 7.2 Mio. ha) lag
zum ersten Mal über derjenigen in den Industrienationen (+6.1 Mio. ha).
Mittlerweile stammen 90% der Bauern, welche weltweit Gentechnologie im
Pflanzenbau einsetzen, nicht aus den reichen Ländern. Da diese Bauern oft
über beschränkte Mittel verfügen und kleinere Parzellen bestellen, liegt die
Hauptfläche des GVO-Anbaus (etwa zwei Drittel) immer noch in den
Industrienationen vor allem den USA, wo 59% der weltweit angebauten
Biotech-Pflanzen gedeihen. Im letzten Jahr bauen insgesamt 17 Nationen
GVO-Pflanzen an.
Mittlerweile ist bei Soja der Biotech-Anteil an der gesamten weltweiten
Anbaufläche der Pflanzenart auf 56 % gewachsen, bei Baumwolle auf
28 %, bei Raps auf 19 % und bei Mais auf 14 %. Bereits 5 % der gesamten
für Ackerbau genutzten Fläche der Erde wurden 2004 mit Gentech-Pflanzen
bestellt- eine weitere Ausdehnung in den kommenden Jahren ist absehbar.

Quellen: "Wachstumsrekorde des weltweiten Anbaus transgener Pflanzen auch für 2004", ISAAA Medienmitteilung, 12. Januar 2005; Clive James 2005, "Global Status of Commercialized Biotech/GM Crops: 2004", ISAAA Executive Summary (www.isaaa.org); "Entwicklungsländer setzen vermehrt auf GVO", Schweizer Bauer, 14. Jan. 2005.
Herbizidtolerante Zuckerrüben: Biotech-Pflanzen bieten "de Foifer und s'Weggli" für Ökologie und Ökonomie
Herbizidtolerante Pflanzensorten solche, die gegen bestimmte
Unkrautvertilger unempfindlich sind bieten Landwirten grosse Vorteile
beim Anbau, da sie die Unkrautkontrolle wesentlich vereinfachen. Was viele
Bauern anstreben hohe Erträge bei geringem Aufwand kann allerdings
für die Artenvielfalt auf den Feldern nachteilige Folgen haben. Weniger
Unkräuter bedeuten auch weniger Nahrung für Insekten, Bodenlebewesen
und Vögel. Dies war eine Schlussfolgerung eines grossen Feldversuches mit
gentechnisch veränderten Zuckerrüben in Grossbritannien (siehe POINT Oktober 2003).
Neue detaillierte Anbauversuche mit herkömmlichen und Gentech-
Zuckerrüben am grössten landwirtschaftlichen Forschungszentrum in
Grossbritannien zeigen nun, dass es möglich ist, ökonomische und
ökologische Interessen in Einklang zu bringen. Mike May und Mitarbeiter
von der Broom's Barn Research Station berichten darüber in der aktuellen
Online-Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift "Proceedings of the Royal
Society". In vier Experimenten in verschiedenen Jahren und an
unterschiedlichen Orten wurde der konventionelle Anbau von Zuckerrüben
mit dem einer Glyphosat-toleranten Biotech-Sorte verglichen. Im
konventionellen Anbau wurden Unkräuter, die beim Zuckerrübenanbau ein
besonderes Problem darstellen, durch die üblichen vier bis fünf
Spritzbehandlungen mit bis zu sieben Wirkstoffen kontrolliert. Bei den
Biotech-Rüben wurde nur mit Glyphosat gespritzt, dabei wurden
verschiedene Dosierungen, Zeitpunkte und Spritzmethoden ausprobiert.
Es zeigt sich, dass hier eine einzige Spritzbehandlung mit Glyphosat relativ
früh in der Anbausaison ausreicht, um Unkräuter effizient zu kontrollieren
und den jungen Rübenpflanzen den notwendigen Wachstumsvorteil zu
gewähren. Trotz dieses vereinfachten Behandlungs-Schemas konnte die
Rübenausbeute gegenüber der konventionell bewirtschafteten Fläche um
bis zu 14 % gesteigert werden. Die Menge der eingesetzten Spritzmittel
(bezogen auf den Gehalt aktiver Wirkstoffe) lag bei den Gentech-Rüben bei
der Hälfte bis einem Drittel im Vergleich zu den herkömmlichen Sorten.
Durch den verringerten Spritzmittel-Einsatz konnten im Lauf der Saison
mehr Unkräuter auf den Gentech-Feldern gedeihen, ohne den Rübenertrag
zu schmälern. Besonders wichtig: auch die Zahl der produzierten Unkraut-
Samen, welche ein wichtiges Futter für Vögel darstellen, lag auf diesen
Feldern höher.
Durch Optimierung der landwirtschaftlichen Anbaumethoden unter Einsatz
gentechnisch verbesserter, herbizidresistenter Zuckerrüben ist es also
möglich, eine Balance zwischen ökonomischen und ökologischen Interessen
zu erzielen und so in beiden Aspekten günstigere Resultate zu erzielen als
dies mit den herkömmlichen Methoden möglich ist. Hier zeigt sich ein
Vorteil neuer, gentechnisch verbesserter Sorten: sie bieten eine grössere
Flexibilität beim Anbau und ermöglichen so neue Ansätze und eine
verbesserte, an den jeweiligen Bedürfnissen orientierte Landwirtschaft.
Quellen: Mike J. May et al. 2005, "Management of genetically modified herbicidetolerant sugar beet for spring and autumn environmental benefit", Proc. Royal Soc. Biol. Sci. FirstCite online Veröffentlichung 19. Januar 2005; "New GM crop management systems give wildlife benefits", Medienmitteilung Rothhamsted Research, 19.1.2005.
Gentech-Forschung in Entwicklungsländern: Bahnbrechende Resultate öffentlich geförderter Projekte
In zahlreichen Entwicklungs- und Schwellenländern wird an öffentlich
finanzierten Institutionen Forschung mit gentechnisch verbesserten
Nutzpflanzen getrieben, wie eine neue Untersuchung des International Food
Policy Research Institute " (IFPRI) belegt.
"Unsere Studie räumt mit vielen falschen Meinungen über Biotech-
Pflanzenforschung auf", sagte Joel Cohen, Forscher am IFPRI und Autor des
Artikels in der Fachzeitschrift Nature Biotechnology. "Viele Leute gehen
davon aus, dass grosse multinationale Konzerne die globale Entwicklung
gentechnisch veränderter Lebensmittel vorantreiben. In Wirklichkeit haben
die weniger begüterten Länder aktive, öffentlich finanzierte Biotech-
Forschungsprogramme. Diese Forschung basiert oft auf einheimischen
Pflanzensorten, um verbesserte Pflanzen für den lokalen Gebrauch durch
Kleinbauern zu züchten."
Die Studie untersucht die Aktivitäten an 62 Instituten aus 15
Entwicklungsländern, die bereits über etablierte Zulassungsverfahren für
GVO verfügen. 45 verschiedenen Pflanzensorten wurden hier gentechnisch
verändert, insgesamt wurden 201 Transformations-Ereignisse
zusammengestellt. Geforscht wurde an Mais, Kakao, Baumwolle, Maniok,
sowie weiteren Obst- und Gemüsearten. Dabei lag das Forschungs-
Schwergewicht auf der Verbesserung agronomischer Eigenschaften, wie der
Erhöhung der Resistenz gegen Schädlinge und Krankheitserreger, und der
besseren Anpassung an ungünstige Wachstumsbedingungen wie
Trockenheit oder Boden-Versalzung. Hierdurch könnten Erträge für die
Landwirte verbessert werden. Aber auch die Verbesserung der Nährstoff-
Qualität und der Haltbarkeit waren Forschungsthemen.
Die grösste Barriere für eine Anwendung der neu entwickelten
Pflanzensorten sind die aufwändigen und teuren Studien, welche für eine
Zulassung zum Anbau erforderlich sind. Als Beispiel werden
Zulassungskosten von 4 Millionen US$ für eine in Brasilien entwickelte, neue
herbizid-tolerante Sojasorte zitiert. Derartige Kosten sprengen oft das
Forschungs-Budget der weniger begüterten Länder, und sind die Ursache
dafür das viele viel versprechende Forschungsprojekte nicht über das
Laborstadium herauskommen und so nicht den bedürftigen Bauern im Land
zugute kommen können. Der Aufwand für die Zulassung von bereits in den
Industrienationen geprüften und zugelassenen Gentech-Pflanzen ist oft
geringer, was dazu führt dass diese lokal nicht optimal angepassten Sorten
eher auf dem Markt von Entwicklungsländern eingeführt werden als vor Ort
selbst entwickelte, neuartige Pflanzen.
Quellen: Joel I. Cohen 2005, "Poorer nations turn to publicly developed GM crops", Nature Biotechnology 23:27-33; "New Report Debunks Misconceptions About Biotech Crop Research in Poor Countries", International Food Policy Research Institute (IFPRI) Medienmitteilung, 6. Januar 2005; "Öffentlich geförderte Agrarforschung in Entwicklungsländern mit bahnbrechenden Ergebnissen / Bauern können von den Fortschritten aber noch nicht profitieren", IFPRI Medienmitteilung, 17. 1. 2005 (www.presseportal.de).
Verordnungs-Revision: Strengere Auflagen für Gentech-Lebensmittel und Tierfutter
Das Anfang 2004 in Kraft getretene Schweizer Gentechnik-Gesetz (GTG)
erfordert in vielen Bereichen eine Anpassung der bestehenden Vorschriften.
Am 26. Januar hat der Bundesrat entsprechende Änderungen der
Lebensmittel- und Futtermittelverordnung beschlossen, die zu strengeren
Regelungen führen.
Der Grenzwert, über dem unbeabsichtigte Beimischungen von gentechnisch
veränderten Organismen (GVO) oder derer Produkte in Lebens- und
Futtermittel gekennzeichnet werden müssen, wurde auf 0.9 % gesenkt.
Neu müssen auch Lebensmittel oder Zutaten gekennzeichnet werden, die
ursprünglich aus GVO hergestellt wurden, aber so gereinigt wurden dass die
Veränderung nicht mehr nachweisbar ist, z. B. Öl aus Gentech-Soja. Dies
bedingt für Hersteller oder Verarbeiter solcher Produkte eine Pflicht zur
Dokumentation und zur Trennung der Warenflüsse.
Die neuen Vorschriften, die am 1. März 2005 mit einer Übergangsfrist bis
2006 in Kraft treten, bringen in vielen Bereichen eine Harmonisierung der
Vorschriften mit jenen der EU, wo im April 2004 verschärfte Vorschriften im
Lebens- und Futtermittelbereich beschlossen wurden.
Quelle: "Gentechnik: Lebensmittelverordnung geändert", Medienmitteilung Bundesamt für Gesundheit, 26. 1. 2005; "Änderung der Lebensmittelverordnung aufgrund des Gentechnikgesetzes" (26.1.2005), Hintergrundinformationen und Verordnungstext auf www.bag.admin.ch; "Änderung der Futtermittel-Verordnung", Medienmitteilung Bundesamt für Landwirtschaft, 26. 1. 2005 (www.blw.admin.ch); "Strengere Auflagen für Gentech", www.swissinfo.org, 26.01.2005.
Ankündigung: Fachtagung "Pflanzenforschung mit gentechnischen Methoden"
Trotz des ungebremsten weltweiten Vormarschs bleibt die Anwendung der
Gentechnologie im Pflanzenbau in der Schweiz umstritten. Versuche der
Grundlagenforschung mit gentechnisch veränderten Pflanzen im Freiland
stossen hierzulande auf vehemente Opposition. Zulassungen von
gentechnisch verändertem Saatgut für den landwirtschaftlichen Anbau
stehen derzeit ausser Frage. Die internationale Entwicklung wird sich
dadurch nicht beeinflussen lassen. Das stellt die Schweiz vor grosse
Herausforderungen: Wie soll sie sich mit ihrer Forschung an der
Entwicklung dieser neuen Technologie beteiligen?
Das Zurich-Basel Plant Science Center lädt zu einer Fachtagung ein, bei der
prominente Exponenten auf die Bedeutung der Pflanzenforschung mit
gentechnischen Methoden in der Schweiz eingehen. Die Veranstaltung
findet am Freitag, 11. März 2005 in Zürich statt.
Informationen: Das Programm der Tagung können Sie unter www.plantscience.ethz.ch abrufen. Weitere Details sowie Möglichkeiten zur Anmeldung finden Sie in dem Tagungs-Flyer (PDF).
Text: Jan Lucht