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Neue Zürcher Zeitung INLAND Mittwoch, 29.12.1999 Nr.303 11 Quelle: www.nzz.ch/online/ Die Versicherungswirtschaft entwickelt einen neuen Risikotyp Im Dauerstreit um die Risiken der Gentechnik geht es immer weniger darum, wie gross sie tatsächlich sind, sondern zusehends, als wie gross sie empfunden werden. Unter dem Titel Phantomrisiko» beginnt die Versicherungswirtschaft, namentlich die Schweizer Rück, auch die denk-, aber nicht beweisbaren Risiken als reale zu betrachten. Derweil wird im Bundesrat über Moratorien und gar Verbote für die Freisetzung von Gentech-Pflanzen gerungen - trotz dem Volksnein zur Genschutzinitiative. bst. »Phantomrisiko« nennt es die Versicherungswirtschaft. Mit diesem Begriff umschreibt sie einen neuartigen Risikotyp der High-Tech-Gesellschaft. Das Phantomrisiko taucht dort auf, wo die Technikbegeisterung der Industriegesellschaft in Skepsis und gesundheitliche Bedenken umschlägt: beim Elektrosmog oder eben bei der Gentechnik. Den Ausdruck erfunden hat die Versicherungswirtschaft für denkbare Risiken, die kaum abschätzbar sind, ja vielleicht gar nicht existieren. Diese möglicherweise bloss virtuellen Gefahren beginnt sie so oder so als reale zu behandeln: Gesellschaftliche Ängste und negative Grundstimmungen können kostspielige Prozessklagen provozieren - für die Versicherungen bereits ein Schadenszenario. Bundesrat im Lager der Gentech-Gegner? Das Phantom geht vor allem in der sogenannt grünen Gentechnik, im Bereich von Gentech- Food und Gentech-Pflanzen um. Hier scheint die öffentliche Stimmung schlechter denn je. Umwelt- und Konsumentenorganisationen ist es - zur Zerknirschung der Biotech-Unternehmen - gelungen, das Schreckgespenst kräftig aufzublasen. Das Phantom geistert gegenwärtig auch beim schweizerischen Bundesrat, der sich um die Gen- Lex-Vorlage streitet. Das Geschäft war auf der den Medien verteilten Traktandenliste für die letzte Bundesratssitzung vor Weihnachten bereits als beschlussreif aufgeführt, doch zu Entscheiden hatte sich das Regierungskollegium noch nicht durchringen können. Grösster Zankapfel ist die Forderung aus dem Umweltdepartement von Moritz Leuenberger (sp.) nach einem Moratorium oder gar nach einem Verbot für die Freisetzung von Gentech-Pflanzen. Das ist allein schon staatspolitisch delikat, weil der Schweizer Souverän vor eineinhalb Jahren die Genschutzinitiative, die unter anderem ein Freisetzungsverbot in der Verfassung verankern wollte, deutlich verworfen hatte. Zündstoff birgt überdies die geplante Haftungsnorm, wonach für gentechnisch veränderte Organismen ausschliesslich der Hersteller geradezustehen hätte (vgl. Textkasten). Risiko Wertewandel Eine Vorreiterrolle in der Analyse neuartiger Technologierisiken nimmt die Rückversicherungsgesellschaft Schweizer Rück ein. Im Gespräch mit der NZZ bemerkt Bruno Porro, Mitglied der Geschäftsleitung der Schweizer Rück, die Pharmaindustrie glaube, sie habe bei der Diskussion um die Genschutzinitiative das Schweizervolk davon überzeugen können, Gentechnik sei ungefährlich. Die Debatte aber, die heute ablaufe, führe vor Augen, dass es nicht die Gefahr an sich, sondern die öffentliche Wahrnehmung der Gefahr sei. Sie führe zu einem eklatanten Interessengegensatz zwischen (vermeintlichen) Gefahrenverursachern und jenen, die in dieser Umwelt leben müssten. Die Wahrnehmung der Risiken habe sich in den letzten zwanzig Jahren stark verändert. Die Leute seien viel weniger bereit, ein (von ihnen nicht beeinflussbares) Restrisiko zu übernehmen. Mit entsprechender Vorsicht begegnet gerade die Rückversicherungsindustrie neuen Risiken. »Wir haben einen hohen Anteil von relativ stark exponierten Geschäften und sind darum vorsichtig«, sagt Porro. Neue Risiken scheinen der Rück als besonders heikel, weil jede Schadenerfahrung fehlt. Gefürchtet ist der Serienschaden, der entsteht, wenn ein Produkt weit verbreitet und der Kreis der Betroffenen enorm gross ist. Als Beispiel dafür, das sich analog auf die Gentechnik umlegen liesse, führt Porro die Streitfälle um Brustimplantate an. Der Druck von Gerichten und vom Umfeld wird derart gross, dass es zu Schadenzahlungen kommt, obschon die Beziehung von Ursache und Wirkung nicht bewiesen werden kann. Die neue unheilige Allianz: Anwälte - NGO Bange beobachten die Versicherer, wie das amerikanische Rechtssystem - prozessfreudige Anwälte, exorbitante Schadenersatzsummen, wenig berechenbare Gerichtsentscheide - zusehends nach Europa ausstrahlt. Die Drohung mit (Sammel-)Klagen und der Gang vor Gericht scheinen zum neuen politischen Hebel zu werden, um die Reputation der Gentech-Industrie und ihrer Produkte weiter zu unterminieren. Im Herbst hatten verschiedene Organisationen von Gentechnik- Gegnern unter Leitung des bekanntesten amerikanischen Kritikers, Jeremy Rifkin, eine globale Aktion von Klagen gegen die Monopolisierung der Saatgut-Märkte angekündigt. Mit ähnlicher Stossrichtung deponierten amerikanische Kleinbauern im Dezember in Washington eine Sammelklage gegen den amerikanischen Biotech- Konzern Monsanto. Thomas K. Epprecht , Biotechnologie-Risikospezialist der Schweizer Rück sieht eine unheilige Allianz zwischen Anwälten und NGO (Nichtregierungsorganisationen) heraufziehen: »Wenn sich diese beiden potenten Players zusammentun, dann wird das zu sehr vielen Klagen führen.« |
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