 |  |  |
 |
Schweizerische Saatgutbranche und Gentechnologie
|  |
 |  |  |
Schweizerischer Saatgutproduzentenverband: www.swissem.ch
Dr. Martin Keller, Saatzucht Genossenschaft Düdingen / Z-Saatgut Suisse
Marianne Neuenschwander, Z-Saatgut Suisse
2002
Die Organisation der Saatgutproduktion in der Schweiz
Zertifiziertes Saatgut (Z-Saatgut) bildet die Basis für den
marktgerechten und ökologischen Pflanzenbau. Mit dem Kauf von
Z-Saatgut erhalten die Bauern ein mehrfach geprüftes und
kontrolliertes Qualitätsprodukt. Der schweizerische Bedarf an
Saatgetreide und Pflanzkartoffeln wird fast ausschliesslich durch
die Inlandproduktion gedeckt. Im Jahr 1999 wurde auf rund 9'000
Hektaren Saatgetreide angebaut. Davon waren 5'100 ha Winterweizen,
1900 ha Wintergerste, 430 ha Wintertriticale und je 460 ha
Sommerweizen und Sommerhafer. Auf der übrigen Fläche
wurde Saatgut von Sommergerste, Roggen, Dinkel, Sommertriticale und
Winterhafer produziert. Die Sortenvielfalt ist beim Getreide enorm
gross. Momentan werden in der Schweiz insgesamt über 60
verschiedene Getreidesorten produziert und gehandelt. Gesamthaft
beträgt die jährliche inländische Saatgutproduktion
beim Getreide rund 30'000 t. Die Produktionsfläche von
Pflanzkartoffeln betrug 1999 1'900 ha. Die gesamthaft produzierte
und gehandelte Menge von ca. 28'000 Tonnen Pflanzkartoffeln teilt
sich auf mehr als 20 verschiedene Sorten auf.
Insgesamt gibt es in der Schweiz rund 2'300 Saat- und
Pflanzgutproduzenten. Diese spezialisierten Landwirte verfügen
über sehr viel Know-how im Anbau und der Pflege der Kulturen
sowie über die besonderen Anforderungen der Saatgutproduktion.
Sie sind genossenschaftlich organisiert in den sogenannten
Vermehrungsorganisationen (VO). Z-Saatgut wird unter der Kontrolle
der zu-ständigen Forschungsanstalten in den VO produziert,
aufbereitet, geprüft, verpackt und nach erfolgter Anerkennung
in den Handel gebracht. Die Anerkennung erfolgt nur, wenn das
Saatgut die Anforderungen bezüglich Sortenechtheit,
Sortenreinheit, Saatgutgesundheit und Keimfähigkeit
erfüllt. Im Bereich Getreide und Kartoffeln decken die vier
grössten VO (ASS Lausanne, SGD Düdingen, SEMAG Lyssach
und fenaco Winterthur) zusammen über 80 % der schweizerischen
Saatgutproduktion ab. Der Dachverband der Saatgutproduzenten ist
der Schweizerische Saatgutproduzentenverband (SSPV) mit Sitz in
Delley.
Saatgutbranche lebt von Innovation
Die Saatgutbranche lebt von Innovation, Qualität und
Lieferbereitschaft. Die klassische Pflanzenzüchtung hat in den
letzten 100 Jahren wesentlich beigetragen zur Steigerung der
Qualität, Ökologie und Produktivität im Pflanzenbau.
Die Anforderungen an neue Sorten steigen ständig. Damit heute
eine Kartoffel- oder Weizensorte erfolgreich vermarktet werden
kann, muss sie entweder im Anbau, in der technischen Verarbeitung
oder beim Endkonsumenten entscheidende Vorteile bringen. Die
klassische Züchtung stösst an Grenzen, wenn all diese
Anforderungen in einer Sorte vereinigt werden sollen. Die
Gentechnologie als Ergänzung und Weiterentwicklung der
klassischen Züchtung könnte hier in Zukunft eine
Schlüsselrolle spielen. Während bei der traditionellen
Züchtung sämtliche Gene von zwei eng miteinander
verwandten Kreuzungspartnern vermischt werden, können mit
gentechnischen Methoden einzelne vorteilhafte Gene aus der gesamten
biologischen Vielfalt auf eine bestimmte Pflanzensorte
übertragen werden. In der Öffentlichkeit wird die
Anwendung der Gentechnologie in der Landwirtschaft und
Ernährung sehr gegensätzlich diskutiert. Zur Zeit
überwiegen die kritischen Stimmen. Mit der Ablehnung der
Genschutzinitiative im Jahr 1998 wurde jedoch ein
Grundsatzentscheid gegen absolute Verbote im Bereich der
Gentechnologie getroffen.
Zukunftspotential der Gentechnologie in der
Pflanzenzüchtung
Effizientere Züchtung
Gentechnische Diagnoseverfahren erhöhen die Effizienz der
traditionellen Züchtung, indem sie ermöglichen, wichtige
Gene zu lokalisieren. Dadurch wird die Auswahl der besten
Kreuzungspartner und Nachkommen erleichtert. Durch die Isolierung
und Übertragung von ganz bestimmten Genen in konventionell
gezüchtete Pflanzensorten werden diese mit einzelnen
erwünschten neuen Eigenschaften ausgestattet. Mit transgenen
Pflanzen können die altbekannten Zuchtziele schneller und
präziser erreicht werden.
Förderung nachhaltiger Produktionsmethoden
Mit gentechnisch gezüchteten schädlings-, pilz-,
virusresistenten oder herbizidtoleranten Pflanzen kann der Einsatz
chemischer Pflanzenschutzmittel bei gleichzeitiger Erhaltung der
Ertragssicherheit reduziert werden. Damit werden Böden und
Gewässer entlastet und die Umwelt geschont. Durch Anwendung
der Gentechnologie können die Qualitätseigenschaften
für die Verarbeitung und Vermarktung der Produkte verbessert
werden. Mit gentechnischen Herstellungsmethoden sind Rohstoff- und
Energieeinsparungen sowie Abfallreduktionen möglich.
Problematik der Gentechnologie in der Pflanzenzüchtung
Risiken der Gentechnologie
Wie jede andere Technik ist auch die Gentechnologie nicht ohne
jegliches Risiko. Die biologischen Risiken wie beispielsweise
Durchbruch von Resistenzen, Auskreuzung durch Pollenflug oder
negativer Einfluss auf Nützlinge werden bei transgenen
Pflanzen in der öffentlichen Wahrnehmung höher eingestuft
als bei konventionellen Pflanzenzüchtungen. Umfassende
Vergleiche zwischen der heute gängigen Praxis im Pflanzenbau
und dem Einsatz transgener Nutzpflanzen bezüglich ihrer
ökologischen Auswirkungen fehlen weitgehend.
Akzeptanz der Gentechnologie
Während sich in der Medizin die Gentechnologie längst
durchgesetzt hat, bestehen heute im Nahrungsmittelbereich vor allem
in Europa starke Vorbehalte. Die Nahrungsmittelproduktion ist ein
sensibler und emotionaler Wirtschaftsbereich. Die Anwendung der
Gentechnologie in der Pflanzenzüchtung wird als etwas
Unnatürliches wahrgenommen. Der gegenwärtige Trend geht
in Richtung natürliche Produkte. Mangelnde Akzeptanz kann
negative Auswirkungen auf die Vermarktungschancen von GVO-Produkten
haben.
Überlegungen der Saatgutbranche zur Gentechnologie
1. Wahlfreiheit ist absolutes Muss
Die Abnehmer müssen zwischen herkömmlichen und
GVO-Produkten wählen können. Die klare Trennung und
Deklaration von GVO-Saatgut und konventionellem Saatgut sind
absolut zwingend. Da Saatgut nie zu 100% rein ist, braucht es
GVO-Toleranzwerte.
2. Akzeptanz ist wichtig
GVO-Produkte haben nur dann eine Chance, wenn sie von Abnehmern und
Konsumenten akzeptiert werden. Nur wenn herkömmliche und
GVO-Produkte klar getrennt auf dem Markt erhältlich sind,
können Vergleiche angestellt werden. Die Akzeptanz kann sich
ändern.
3. Positive Auswirkungen für Landwirte und Konsumenten
Die Gentechnologie im Pflanzenbau wird sich am Markt nur dann
durchsetzen, wenn sie den Bauern und den Konsumenten Vorteile
bringt. Agronomische Vorteile, Einsparungen beim Pflanzenschutz und
verbesserte Qualität werden den Kosten
gegenüberstehen.
4. Nachhaltige Landwirtschaft fördern
Die Anwendung der Gentechnologie soll positive Auswirkungen auf die
Umwelt haben und einen Beitrag zugunsten einer nachhaltigen
Landwirtschaft leisten. Die Erhaltung der
Artenvielfalt darf nicht durch die Gentechnologie
gefährdet werden.
5. Offen für Innovationen
Die schweizerische Saatgutbranche lebt von der Qualität und
von Innovationen. Um konkurrenzfähig zu bleiben
wurde bisher der technische Fortschritt immer genutzt. Auch in
Zukunft wird die Saatgutbranche für Innovationen und
Fortschritt offen bleiben.
6. Sicherheit hat oberste Priorität
Die Sicherheit muss auf allen Stufen (Labor, Gewächshaus,
kontrollierte Kleinparzelle, Freiland) umfassend und neu
geprüft werden. Die Bewilligungskriterien für die
Zulassung von gentechnisch veränderten Produkten müssen
streng sein, dürfen aber die Gentechnologie nicht
unbegründet verhindern.
7. Marktkonformes Verhalten
Solange ein bedeutender Markt für GVO-freie Sorten besteht,
wird die Saatgutbranche solches Saatgut anbieten. Die
Saatgutbranche wird wesentliche Veränderungen auf der
Nachfrageseite rasch berücksichtigen.
8. Anbau von GVO-Sorten
Der Anbau von GVO-Sorten könnte für die Saatgutbranche in
Frage kommen, wenn diese Sorten in der Schweiz zugelassen sind,
Vermarktungschancen haben und sie im Vergleich zu konventionell
gezüchteten Sorten klare Vorteile im Anbau oder in der
Verarbeitung oder für die Konsumenten aufzeigen.