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Dr. Roland Bilang, InterNUTRITION Basler Zeitung, 16. Februar 2000 Seit 1992 haben die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger wiederholt zum Ausdruck gebracht, dass sie im Zusammenhang mit der Gentechnologie keine Verbote wünschen, sondern eine Gesetzgebung, welche uns erlaubt, die Chancen dieser Schlüsseltechnologie zu nutzen und deren Missbrauch zu verhindern. Entsprechende Massnahmen wurden jüngst in der bundesrätlichen Botschaft zur Genlex vorgestellt. Noch immer gibt es allerdings Stimmen, die ein Anwendungsverbot für die Gentechnik in der Landwirtschaft fordern. Die Verfechterinnen und Verfechter dieser Verbotsforderungen argumentieren dabei auf der Basis einer ziemlich verzerrten Wahrnehmung der Chancen und Risiken der Gentechnik in der Landwirtschaft. Alte Ziele, neue Methoden Die gentechnische Forschung für die Landwirtschaft - im Folgenden soll der Pflanzenbau im Vordergrund stehen - verfolgt die gleichen Ziele, wie sie von den Pflanzenzüchtern schon seit Tausenden von Jahren angestrebt werden: aus der Vielfalt der vorhandenen Pflanzen jene auszuwählen, deren Produkte die menschlichen Bedürfnisse am besten abzudecken vermögen. Lässt sich das Gesuchte in der natürlichen Formenvielfalt nicht finden, kombiniert der Züchter die erwünschten Eigenschaften beispielsweise mit Hilfe von Kreuzungen. Von zunehmender Bedeutung für eine nachhaltige Landwirtschaft sind Resistenzen gegenüber Krankheitserregern und Schadinsekten, sowie die Erhöhung der Widerstandskraft gegen unwirtliche Klimaverhältnisse oder schlechte Böden. Ein Beispiel für die züchterische Leistungen der letzten Jahrzehnte ist das bei uns weit verbreitete Futtergetreide "Triticale", eine Kreuzung, welche die qualitativen Eigenschaften des Weizens (Triticum) mit der Widerstandskraft des Roggens (Secale) kombiniert. Über unsere Landesgrenzen hinaus sind auch die an den eidgenössischen landwirtschaftlichen Forschungsanstalten mit konventionellen Methoden gezüchteten Weizensorten bekannt, da in ihnen hohe Qualität und Krankheitsresistenz kombiniert werden konnten. Gentechnik ist ein modernes Instrument des Pflanzenzüchters. Es erlaubt ihm, Merkmale zu kombinieren, welche bis heute nur mit grösstem materiellem und zeitlichem Aufwand kombiniert werden konnten. Dank der Gentechnik kann der für eine Neuzüchtung notwendige zeitliche Rahmen deutlich verringert werden: die Überschussproduktion wird reduziert zu Gunsten einer intensiveren Prüfung der schlussendlich vermarkteten Sorten. Zu Beginn der neunziger Jahre wurde vom schweizerischen Nationalfonds das Schwerpunktprogramm Biotechnologie ins Leben gerufen, unter anderem mit dem Ziel, mit Hilfe der Gentechnik bisherige Lücken bei den Resistenzeigenschaften unserer Weizen- und Kartoffelsorten zu schliessen. Durch die strenge Bewilligungspraxis der zuständigen Behörden wurde bisher allerdings verhindert, dass die Resultate dieses Forschungsprogramms in der Schweiz unter Freilandbedingungen überprüft werden konnten. Wir dürfen aber trotzdem davon ausgehen, dass in absehbarer Zeit und nach eingehender Prüfung gentechnisch veränderte Sorten zur Verfügung stehen werden, welche genau dem uralten züchterischen Ziel entsprechen: der Kombination von Qualität, Ertrag und Widerstandskraft. Es wäre weder aus wirtschaftlichen noch aus ökologischen Gründen zu verantworten, dem schweizerischen Landwirt den Anbau solcher Sorten zu verbieten. Was und wem nützen Gentechpflanzen? Vor allem in den USA, in Kanada und Argentinien hat der Anbau gentechnisch veränderter Mais-, Soja-, Baumwoll- und Rapssorten in den letzten drei Jahren einen beispiellosen Boom erlebt. Bereits daraus lässt sich erahnen, dass Gentechsorten dem Produzenten unter den jeweiligen Bedingungen wohl von Nutzen sein müssen. Aber auch die Umwelt kommt auf ihre Rechnung: eine Studie der Universität von Iowa zeigt beispielsweise, dass ein Viertel der Farmer dank gentechnisch verbesserten Maissorten weniger Insektizide eingesetzt haben. Bei der Baumwolle konnte dank insektentoleranten Gentechsorten sogar fast vollständig auf den Einsatz von Insektiziden verzichtet werden. Auch der Anbau von herbizid-toleranten Sojasorten führte in vielen Fällen zur Reduktion des Spritzmitteleinsatzes. Zudem konnten an Stelle der schlecht abbaubaren Unkrautvertilgungsmittel solche verwendet werden, welche wesentlich umweltfreundlicher sind. Wir dürfen gespannt sein, welche vorteilhafte ökologische Auswirkungen nach einigen Jahren aus der Verwendung solcher Sorten resultieren wird. Umfangreiche Feldstudien haben gezeigt, dass der Anbau von insektentoleranten Maissorten keinen negativen Einfluss auf die Nützlinge und Nicht-Ziel-Insekten haben. Resultate von Laborstudien, die im vergangenen Jahr in der Öffentlichkeit hohe Wellen geworfen haben, konnten unter realistischeren Feldbedingungen nicht bestätigt werden. Auch wenn diese Beispiele zugegebenermassen nicht von grosser Bedeutung sind für eine schweizerische Landwirtschaft von morgen, so könne wir daraus doch ableiten, wo das Potenzial der Gentechnik liegt. Darüber hinaus gehören die aus gentechnisch veränderten Pflanzen hergestellten Lebens- und Futtermittel zu den am besten geprüften Produkten überhaupt. Kein noch so exotisches Importprodukt wird auch nur annähernd derart genau unter die Lupe genommen wie es dem Gentechmais oder der Gentechsoja geschehen ist. Alle Chancen nutzen: kann es ein Nebeneinander geben? Im letzten Sommer hat es das vom schweizerischen Wissenschaftsrat durchgeführte Publiforum an den Tag gebracht: die Schweizer wollen die Gentechnik mit Bedacht nutzen, und vor allem wollen sie keine Verbote. Die Bürgerinnen und Bürger sind nach entsprechender Information sehr gut in der Lage, sich ein differenziertes Urteil zu bilden. Verbote werden die so häufig bemühte Wahlfreiheit erst recht nicht gewährleisten. In erster Linie aber werden pauschale Verbote und Beschränkungen einem so komplexen Thema niemals gerecht und könnten dazu führen, dass wir die Chancen der Gentechnik nicht rechtzeitig packen. So ist beispielsweise die häufig zitierte Gefahr der "Verunreinigung" von Biofeldern durch herumfliegenden Gentechpollen bei genauerem Hinsehen ein Phantom. Zwei der realistischerweise für den Einsatz der Gentechnik in Frage kommenden Kulturen - Kartoffeln und Zuckerrüben - werden überhaupt nicht über Pollen vermehrt. Ein weiterer Kandidat, der Weizen, ist ein derart strenger Selbstbefruchter, dass Auskreuzungen in andere Weizenfelder natürlicherweise kaum zu beobachten sind. Beim Raps wird ein grossflächiger Anbau vorläufig wohl kaum in Frage kommen, weil er gerne auskreuzt und in unseren Ökosystemen viele verwandte Arten des Rapses beheimatet sind. Die Gesetzgebung erlaubt es uns heute, gerade solche Anwendungen gezielt zu unterbinden. Bleibt der Mais, für den mit etwas gutem Willen pragmatische Lösungen in Form von vorgeschriebenen Minimalabständen zwischen den Feldern eines konventionellen und eines Biobetriebes gefunden werden können. In der Realität wird es also sehr wohl möglich sein, auch auf kleinem Raum beide Formen der Landwirtschaft zu pflegen: die Biolandwirtschaft mit ihrem Verzicht auf die Gentechnik, und die "konventionelle" Landwirtschaft, die mit Gentechnik nicht minder ökologisch und nachhaltig sein wird. |
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