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Beda M. Stadler, Universität Bern Die Debatte um Genfood hat auch Vorteile. Tatsache ist, dass gentechnisch veränderte Nahrungsmittel strenger geprüft werden und in fast allen Ländern eine Deklaration vorgeschrieben ist. Davon profitieren z.B. die Allergiker, die im Gegensatz zu Amerika in Europa noch nicht auf eine Allergendeklaration zurückgreifen können. Interessant ist jetzt allerdings die Frage, ob auch unsere traditionellen Lebensmittel, oder solche die sogar ein Biolabel tragen, ebenfalls derart kritisch betrachtet werden sollten. Es mutet sich fast wie ein Hohn an, dass ausgerechnet Leute, die sehr bewusst essen und sicher auch viel über "Food-Safety" nachdenken, nach einem gemeinsamen Mal Übelkeit empfanden und erbrechen mussten, einige davon wurden sogar in ein Spital eingeliefert. So geschehen an einem schweizerischen Vegetariertreffen im Juli 1999. Das schmackhafte Selbstbedienungsbuffet hatte nämlich ein Mus aus rohen Bohnen und Olivenöl enthalten, das vielen Delegierten sehr schmeckte, weil sie zum erstenmal in den Genuss dieser originellen Speise gekommen waren. Dass rohe Bohnen, rohe Kartoffeln und eine ganz beträchtliche Anzahl anderer nicht gekochter Grundnahrungsmittel Gifte enthalten, ist heute dem Laien sowie wohl auch dem Koch des Vegetariertreffens unbekannt. Es ist daher nicht erstaunlich, dass gentechnische Veränderungen von Nahrungsmitteln Misstrauen hervorrufen, da wir der Ansicht sind, dass "altherbelassen" gleichzusetzen ist mit "ungefährlich". In diesem Sinn kann die Nahrungsmittelindustrie eigentlich froh sein, dass sich die Konsumenten wieder vermehrt mit der Herstellung und der Zusammensetzung der Nahrungsmittel auseinandersetzen. Gerade aus diesem Grund hätte eigentlich das GVO-Labeling auch zu einem Gütesiegel werden können, weil, wenn es um die Herkunft eines Nahrungsmittels geht, die Konsumenten ja auch wissen wollen, was für kontaminierende Produkte allenfalls noch als Spuren im Nahrungsmittel vorhanden sein könnten. Gerade aus diesem Grund wird von manchen Konsumenten biologisch angebautes Gemüse vorgezogen, weil sie damit den synthetischen Herbiziden und Pestiziden aus dem Weg gehen können. Aber was wird passieren, wenn der Konsument sich einmal überlegt, dass schliesslich auch der Biobauer etwas gegen Unkraut und Schädlinge unternehmen muss? Was ist, wenn der Konsument fragt, was eigentlich beim Biolandbau eingesetzt wird, und ob diese Agentien auch gleich streng beurteilt werden wie gentechnisch veränderte Pflanzen? Betrachten wir ein Biopestizid aus dem Biolandbau kann man sich fragen, ob hüben und drüben mit gleich Ellen gemessen wird. Françoise Ramis und Kollegen vom Lebouché Armeeforschungszentrums haben nämlich herausgefunden, dass Mäuse, die 108 Sporen des Bacillus thuringiensis Stammes H34 einatmen, innerhalb von acht Stunden sterben, weil sie innerlich verbluten und schwere Gewebeschädigungen aufweisen. Bacillus thuringiensis Sporen sind ein sogenannt harmloses Biopestizid, das bei uns im Biolandbau zugelassen und auch verwendet wird, dies seit mehr als 30 Jahre, womit man eigentlich glauben könnte, dass dieses Biopestizid, da "natürlich", natürlich auch nicht schädlich ist. Bacillus thuringiensis kann man schliesslich aus jeder zweiten Bodenprobe in der Schweiz isolieren, also wozu sich Sorgen machen? Tatsache ist, dass eben bei diesem Produkt mit der grünen Knospe niemand so genau hingeschaut hat, und dass wir nur für gentechnisch veränderte Nahrungsmittel sehr strenge Zulassungsbeschränkungen verlangen, nicht aber für die sogenannt "natürlichen". Der Zorn der Biobauern gegen den Bt Mais von Novartis und anderen Firmen wird damit begründet, dass die Biobauern nicht wollten, dass eine Pflanze den gleichen Schutz eingebaut hat, den sie normalerweise über die Felder sprühen, und ihnen damit womöglich eines der besten Werkzeuge weggenommen würde, weil vielleicht Resistenzen entstehen könnten. Vielleicht sollte man ihnen das Werkzeug aber jetzt wegnehmen, weil im Bt Mais natürlich die Toxine, welche die Mäuse umgebracht haben, nicht enthalten sind. Wohlgemerkt, es ist nicht das Bt Toxin unter dem die Mäuse gelitten haben, sondern es sind zusätzliche und andere Toxine, die Bacillus thuringiensis produziert. Das französische Armeeforschungszentrum beschäftigt sich ja auch nur mit diesem Keim, weil der Stamm H34 in den Wunden eines französischen Soldaten in Bosnien Gewebe zerstörte. Diese Forscher glauben jetzt, dass man eigentlich vermehrt bei Infektionskrankheiten, bei denen man manchmal Bazillen findet, aber diese fälschlicherweise als Laborkontamination einstuft, nach diesem Stamm suchen sollte. Wer weiss, vielleicht finden sich auch in Europa Biobauern, welche dieses Biopestizid ohne Mundschutz angewendet haben und sich nachher über Lungenbeschwerden beschwert haben? Vielleicht geht aber die Solidarität zu diesem Biopestizid aber soweit, dass man nicht nur ein Risiko, sondern sogar gesundheitliche Schäden in Kauf nimmt.Der Schaden für den Biolandbau wäre nämlich fast "unabsehbar" sollte der Konsument herausfinden, dass ziemlich ungesunde Produkte auf dem Biogemüse sitzen. Andererseits ist es erstaunlich, dass harmlose, gentechnisch veränderte Kartoffeln in der Öffentlichkeit zu gefährlichem Genfood mutieren können. Damit meine ich die Experimente von Dr. Pusztai, die jetzt Prinz Charles, und letztlich sogar wahrscheinlich unsere EU Umweltminister, dazu gebracht haben, sich vor Genfood zu fürchten. Um was ging es eigentlich bei diesen Experimenten? Die genetische Information für das GNA Lektin, welche aus dem Schneeglöckchen stammt, wurde in Kartoffeln gebracht, um damit einen Schutz gegen Insekten zu erreichen. Dieses Lektin ist giftig, das weiss man seit langem, und das wusste auch Herr Pusztai. Schneeglöckchensalat findet sich sicher auch nicht im Menüplan von Vegetarier. Was Sie aber wissen sollten ist, dass dieses Lektin Hitze nicht erträgt und somit in gekochten Kartoffeln nie ein Problem gewesen wäre. Also musste Herr Pusztai den Ratten gewaltige Mengen von rohen, transgenen Kartoffeln verfüttern und wissenschaftlich korrekt, dazu noch eine Kontrolle unternehmen, nämlich normale, rohe Kartoffeln (die ja selber schon giftige Substanzen, wie etwa das Solanin und andere Lektine enthalten!)roh verfüttern, plus das GNA Lektin dazumischen. In der Schweiz wäre dies übrigens ein illegales Experiment gewesen, weil der Ausgang eindeutig voraussehbar war und somit als unnötige Tierquälerei gilt. Dr. Pusztai hat dann in der Tat keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den transgenen Kartoffeln und den normal, giftigen Kartoffeln gefunden. Es war lediglich ein leichter Trend zu beobachten, wahrscheinlich, weil in den transgenen Kartoffeln etwas mehr giftiges Lektin als in den Kontrollkartoffeln vorhanden war. Nach eigenen Aussagen ging er an die Medien, weil er sich davon erhoffte, mehr Forschungsgelder für seine Studien auftreiben zu können. Die Laboruntersuchungen waren fast genau so haarsträubend wie der ganze experimentelle Ansatz. Das Immunsystem der Tiere wurde in der Folge überprüft, indem zu isolierten Zellen ein weiteres Lektin aus Bohnen zugegeben wurde (Concanavalin A oder Phytohaemagglutinin), um zu studieren, ob sich die Zellen noch zu teilen vermögen. Das sind Experimente wie man sie vor vielen Jahren ab und zu machte, als man noch nicht sehr viel über das Immunsystem wusste und dieses Verfahren noch als eine Art "Immunitäts-Funktionstest" gegolten hat. Was dabei bei Dr. Pusztai Laboranstrengungen herauskam, war wiederum nicht signifikant. Selbstverständlich konnte man die Zellen jener Tiere, die das giftige Lektin direkt erhalten hatten, nicht mehr so gut in vitro mit einem weiteren Lektin (und übrigens ebenfalls giftigen) stimulieren, aber es gab keinen signifikanten Unterschied zu den Tieren, welche die transgenen Kartoffeln gegessen hatten. Ich bin sicher, es gibt keinen einzigen Immunologen, der seinen Studenten erlaubt hätte, ein solch rückständiges Experiment durchzuführen, geschweige dann, daraus irgend welche Schlüsse zu ziehen, ausser vielleicht, dass Ratten keine rohen Kartoffeln mögen! Auf der einen Seite haben wir also ein für schweizerische Verhältnisse illegales Tierexperiment, bei dem die Versuchstiere etwas mehr geschädigt sein sollten als die Kontrolltiere, und auf der anderen Seite sterben Mäuse an einer Dosis von Sporen, die im wirklichen Leben vorkommen, da die Biobauern bis zu 1011 Sporen pro Quadratmeter auf ihren Feldern versprühen. Handelt es sich also um eine verzerrte Wahrnehmung? Wohl kaum. Für den Experten ist klar, dass es sich bei den "Lektinkartoffeln" um harmlose Kartoffeln handelt, und dass selbst das Biopestizid, falls mit der nötigen Vorsicht angewendet, für den Biobauern als relativ harmlos eingestuft werden kann. Das GVO-Labeling hat aber noch einen zusätzlichen Vorteil, den man bis heute praktisch nicht diskutiert hat. Gerade in Europa, wo der Allergiker bezüglich der effektiven Nahrungsmittelbestandteile die darin enthalten sind oft noch relativ ungenaue Hinweise auf Nahrungsmittelverpackungen findet, hat das GVO-Labeling eigentlich den ungewollten Nebeneffekt, dass zumindest die Quelle des Transgens genau deklariert wird. Zudem weiss er, dass das zusätzliche Eiweiss, das in den Organismus hineingebracht wurde, auch eine strenge Zulassungsbewilligung hinter sich hat. Dies wiederum ganz im Gegensatz zu anderen neuen Lebensmitteln, die in unser Ökosystem eingeführt wurden, und von denen man sogar wusste, dass sie Allergene enthalten. Dies ist z.B. bei der Kiwi der Fall, wo man in ihrem Ursprungsland diese Frucht schon längst eigentlich als eine allergenenthaltende Frucht gekannt hatte, diese bei uns auf den Markt brachte, ohne die Allergenizität der Kiwi für uns abzuklären. Zugegeben, es gibt sehr wenige Kiwi-Allergiker, aber dann sollte man auch zugeben, dass einige der gentechnisch veränderten Produkte die jetzt auch schon jahrelang auf dem Markt sind, wie etwa transgene Sojabohnen, eben nicht zu Allergien geführt haben, wie dies fälschlicherweise prognostiziert wurde. |
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