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Prof. Dr. Richard Braun
Die frühen Jahre der Gentechnik Die erste Veröffentlichung von grundlegenden Verfahren der Gentechnik - diese wird oft auch als "moderne Biotechnologie" bezeichnet - erschien 1973. Sie führte sofort und vor allem unter den Molekularbiologen und Biochemikern zu einer sehr frühen Diskussion der potentiellen Risiken und Chancen dieser neuen Technologie. 1975 beriefen die betroffenen Wissenschaftern die Asilomar Konferenz ein. Damit wurde die Debatte auch in die breite Öffentlichkeit getragen, vor allem in den Gebieten um Boston und San Francisco, wo die Molekularbiologie an den Universitäten bereits verbreitet eingesetzt wurde. Für eine kurze Zeit waren einige regional beschränkte Verbote der neuen Technologie in Kraft, die aber schnell wieder aufgehoben wurden. Seit jenen Tagen hat in der US-amerikanischen Bevölkerung keine grundlegende Diskussion über die Gentechnik mehr stattgefunden. Anlässlich der Konferenz von Asilomar wurden Richtlinien für den Umgang mit der Gentechnik erarbeitet und anschliessend vom amerikanischen Gesundheitsministerium (NIH) in Kraft gesetzt. Durch die Erfahrung, dass viele der Risiken kleiner als zunächst angenommenenoder gar inexistent sind, konnten die Sicherheitsbestimmungen Jahr für Jahr gelockert werden. In diesem Zusammenhang muss darauf hingewiesen werden, dass die amerikanischen Richtlinien weitgehend produktorientiert und nicht prozessorientiert waren und es immer noch sind. Dies bedeutet, dass zur Risikobeurteilung die sicht- und messbaren Eigenschaften eines Produktes herangezogen werden, und nicht die zur Anwendung gelangten Herstellungsverfahren. Entsprechend dieser Logik ist es also für die Risikoabschätzung auch unbedeutend, mit welcher Technologie eine genetische Veränderung in einem Organismus erzeugt wurde. Die öffentliche Haltung in den USA Heute wird in den USA der Einsatz der Gentechnikkaum kritisiert. Der Kinofilm "Jurassic Park" verursachte beispielsweise mit seinen Schreckenszenarien zur Gentechnik keine grössere Aufregung. Es wird geschätzt, dass heutemehr als die Hälfte der verarbeiteten Nahrungsartikel in den amerikanischen Einkaufszentren Produkte von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) enthalten. Wenn auch gewisse Anwendungen der Gentechnik während längerer Zeit kritisiert wurden, unter anderem durch Jeremy Rifkin von der Foundation for Economic Trends oder durch die Union of Concerned Scientists, stiessen diese Stimmen kaum auf ein Echo in den Massenmedien. Hingegen wurde unter anderem von Konsumentenvereinigungen in letzter Zeit vermehrt verlangt, dass GVO Nahrungsmittel entsprechend gekennzeichnet werden. Momentan scheint es allerdings unwahrscheinlich, dass die amerikanische Landwirtschaftsbehörde (USDA) diesen Begehren nachkommen wird. Die Zahl der Landwirte, welche für den Anbau gentechnisch verändertes (transgenes) Saatgut kaufen, nimmt in den USA Jahr für Jahr zu. Rund die Hälfte der gesamten Baumwoll-, Sojabohnen- und Maisfläche wird dortmit transgenen Sorten bepflanzt. Unterdessen kommen weitere transgeneKulturen wie beispielsweise Kartoffeln, Raps, Papaya und so weiter auf den Markt. In den vergangenen Jahren wurden in Europa im Rahmen des Eurobarometers mehrere Umfragen zur Einstellung der Bevölkerung gegenüber der Gentechnik durchgeführt. Diese in 15 Staaten erhobenen Daten betreffen neben der Gentechnik auch mehrere andere Themen. Die letzten Umfragen datieren von 1996 und zeigen klar, dass einzelne Anwendungen der Gentechnik sehr wohl akzeptiert werden, obwohl die Sachkenntnisse über die Biologie bemerkenswert schlecht sind. Beispielsweise lautete eine der Fragen, ob nur transgene oder sämtliche Tomaten Gene enthalten. Zwei Drittel der Antwortenden wussten die Antwort nicht oder lagen falsch. Die Gentechnik wird als Instrument in der Grundlagenforschung akzeptiert. So auch ihre Anwendung für medizinische Zwecke (Heilmittel, Diagnoseverfahren, Impfstoffe). Das zeigt, dass die Bevölkerung offensichtlich dann der Technologie nicht abgeneigt ist, wenn ein persönlicher Nutzen erwartet wird. Der Xenotransplantation wird hingegen mit grosser Skepsis begegnet: der Grund dafür liegt sehr wahrscheinlich darin, dass diese Technologie noch nicht eingeführt ist und so auch noch niemand davon profitieren konnte. Eine Mehrheit der Leute sagt, dass sie keine GVO Nahrungsmittel konsumieren wollen, gleichzeitig will aber eine noch grössere Mehrheit in dieser Frage selber entscheiden können. GVO Nahrungsmittel sollen also nicht verboten werden. Umfragen sind nur ein Mittel, um die Meinung derBevölkerung zu sondieren. Bei Konsumgütern ist eher das Kaufverhalten der Konsumierenden von Interesse. Das einzige Beispiel in Europa liefert dazu der Verkauf von Tomatenkonzentrat in einer britischen Verteilerkette. Zwei Sorten Konzentrat wurden auf demselben Regal in vergleichbaren Verpackungen angeboten. Das GVO Produkt war klar als solches gekennzeichnet und etwas billiger als das traditionelle. Gemäss den Angaben der Ladenkette verkaufte sich das GVO Konzentrat ausgezeichnet, Millionen von Büchsen gingen über die Ladentische. Der Verkauf musste indes eingestellt werden, weil die amerikanische Produzenten den Anbau der GVO Tomaten einstellten, anscheinend wegen der hohen Transportkosten. Bezüglich der medizinischen Anwendung der Gentechnik sind die Medienberichte in Europa durchwegs positiv geworden. Das war nicht immer der Fall. Beispielsweise wurde in Deutschland die Produktion von Heilmitteln aus GVO während vieler Jahre mit Skepsis betrachtet. Diese Einstellung hat erst in den letzten 3 Jahren geändert, weitgehend dank einer Initiative des Bundeswissenschaftsministeriums. 250 der insgesamt 1300 europäischenStart-up Firmen befinden sich mittlerweile in Deutschland. Einige Jahre zuvor noch haben hier die politischen Umstände und negativen Medienberichte den Produktionsstart in einer betriebsbereiten Insulinfabrik verzögert und damit beträchtlichen wirtschaftlichen Verlust verursacht. In Grossbritannien ist in den vergangenen 12 Monaten eine Flut von Presseartikeln gegen GVO-Nahrungsmittel erschienen, und Begriffe wie "Frankenstein Food" wurden von manch einem Journalisten fleissig verwendet. Diese Berichte haben eine hysterische Stimmung erzeugt, als ob das oberste Ziel eines Saatgutkonzerns die Vernichtung möglichst vieler Menschen sei. Vergessen geht dabei, dass das eigentliche Bestreben der Entwicklung und Vermarktung neuer Produkte gilt, die schlussendlich einen wirtschaftlichen Erfolg darstellen sollen. Viele Freisetzungsexperimente wurden durch Gruppierungen zerstört, mit dem Anspruch, die britische Landschaft im Namen des Volkes zu "dekontaminieren". Eine seriöse Diskussion über Nutzen und Risiken von GVO Pflanzen ist weitgehend aus den Medien verschwunden. Warum nimmt die Hysterie gerade in Grossbritannien,der traditionellen "Nation des gesunden Menschenverstandes", überhand? Es gibt dafür mehrere plausible Gründe:
Es ist aber auch sehr wohl denkbar, dass die jüngst erfolgten mutwilligen Zerstörungen vontransgenen Kulturen durch Greenpeace in Grossbritannien eine ernüchternde Wirkung auf vernunftbegabteMitbürgerinnen und Mitbürger haben wird. Schliesslich konnten auch die Ludditen im frühen 19. Jahrhundert die industrielle Revolution in Grossbritannien nicht aufhalten. In der Europäischen Union stockt die Einführung weiterer transgener Kulturpflanzen, und der Gesetzgebungsprozess entpuppt sich als wirres Durcheinander. Die Revision der Direktive 90/220 betreffend der Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen wurde durch den Umweltministerrat auf Eis gelegt. Prodi, der neue Vorsitzende der EU Kommission, übergab das Gentechnikdossier aber scheinbar an das Gesundheitsdepartement. Bereits vor Monaten wurden der Kommission Bewilligungsgesuche für den kommerziellen Anbau von mehreren transgenen Pflanzensorten eingereicht, eine Entscheidung steht immer noch aus. Vielleicht lindern die jüngsten personellen Veränderungen in der Kommission die Lage etwas. Falls Europa den Import von Landwirtschaftsprodukten aus den USA stark behindert oder gar verhindert, werden sich die wirtschaftlichen Auseinandersetzungen unter den Bedingungen des WTO Abkommens verschärfen. Wer profitiert eigentlich von dieser skeptischen Einstellung gegenüber GVO Nahrungsmitteln? In erster Linie jene, die GVO-freie Nahrungsmittel anbieten können, namentlich der Biolandbau und seine Vertriebsketten, sowie einige weitere Lieferanten von GVO-freien Zutaten. Dank ihrem Protest gegen GVO Nahrungsmittel ziehenauch Nichtregierungsorganisationen einen finanziellen Profit aus der Angst der Bevölkerung vor "Genmanipulation".Es ist zweifellos einfacher, die Angst gegenüber neuen Technologien zu schüren, als das Vertrauen in sie aufzubauen, besonders wenn deren Produkte für die menschlichen Ernährung bestimmt sind. Auch wenn Nichtregierungsorganisationen wesentliche Katalysatoren in politischen Auseinandersetzungen sind,müssen sie daran erinnert werden, dass ihr Legitimation beschränkt ist; weder wurden sie gewählt, noch haben ihre Standpunkte in Volksabstimmungen Bestätigung gefunden. Unterschiede zwischen der EU und den USA In den USA wurde 1997 eine mit dem Eurobarometer von 1996 vergleichbare Umfrage durchgeführt. Die Resultate waren jener der europäischen Untersuchung sehr ähnlich, allerdings mit einer bemerkenswerten Ausnahme: GVO Nahrungsmittel fanden beinahe dieselbe Akzeptanz wie GVO Heilmittel. Dieser Unterschied mag durch mehrere Faktoren zustande kommen:
Die Wissenschafter, und zwar nicht nur einige wenige, sollten für die Sache eintreten und laut und deutlich sagen, dass die Biotechnologie im Allgemeinen und die Gentechnik im Besonderen eine mögliche Technik darstellt, um Kulturpflanzen zu züchten. Denn:
Die Naturwissenschaften sind heutzutage gesellschaftlich umstritten, und die Wissenschafter sollten sich dessen gewahr werden. Viele Leute vergessen den offensichtlichenNutzen von Wissenschaft und Technologie und sind überzeugt, dass die Wissenschaft in den vergangenen 50 Jahren mehr Schlechtes als Gutes angerichtet hat. Wir aktiven Forscher, und nicht nur die Wissenschaftsverwalter, müssen sich in den Dialog mit der Öffentlichkeit begeben, mit den Medien und all jenen, die hören wollen. Wir müssen über Risiken und Chancen sprechen, darüber, was wir wissen, und darüber, was wir nicht wissen. Und wir müssen auf die Besorgnisse der Leute hören. Zudem müssen die Kontakte zur Europäischen Union und zum Europaparlament verstärkt werden. Die Naturwissenschaften brauchen ein aktives Lobbying bei jenen, welche die strategischen Entscheidungen über die Zukunft der Wissenschaft fällen. Das oberste Ziel ist, Vertrauen zu schaffen zwischen der Wissenschaft und der Gesellschaft. |
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