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2002-07-03 00:00:00
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«Wir entscheiden in Kenia autonom und unabhängig»

Basler Zeitung, Freitag 03.12.1999

Der Kenianer John S. Wafula arbeitet im nationalen landwirtschaftlichen Forschungsinstitut in Nairobi und ist verantwortlich für den Bereich Pflanzenbiotechnologie.

Basler Zeitung: Welche Bedeutung haben transgene Pflanzen für die Landwirtschaft Kenias?

John S. Wafula: Wir erachten biotechnologische Methoden für nötig, um die Lebensmittelproduktion in Zukunft zu steigern. Die Landwirtschaft ist ein Eckpunkt unserer Wirtschaft, gleichzeitig sind wir mit einer Reihe von negativen Einflüssen konfrontiert. Wir sind äusserst hart betroffen von Wassermangel und Dürre. Hungersnöte sind häufig. Regelmässig leiden wir auch unter den Folgen von Insektenschädlingen. Dies alles führt zu hohen Ernteverlusten. Konsequenterweise halten wir jede Technologie, welche den Ertrag erhöhen oder die Verluste vermeiden könnte, für unverzichtbar.

Wie sehen Sie das Verhältnis der traditionellen Landwirtschaft in Kenia gegenüber Gentech-Methoden?

Beide Anbautechniken sind wichtig, sie schliessen sich gegenseitig nicht aus. Die traditionellen Methoden der Züchtung können mit den neuen Methoden kombiniert werden. Allerdings stösst die traditionelle Technik langsam an ihre Grenzen. Wir haben nur begrenzt anbaubares Land zur Verfügung, sollten aber die Erträge steigern.

Können Sie ein Beispiel geben für Gentech-Anwendungen?

In Zusammenarbeit mit der Agrofirma Monsanto entwickeln wir eine virusresistente Kartoffel. Das Virus mit dem Namen «Featherly Mottle Virus» zerstört zwischen 60 und 80 Prozent der Kartoffelernte, eine äusserst wichtige Pflanze für unsere Versorgung. Die Firma stellt uns die Gene und Vektoren zur Verfügung. Erste Feldversuche sind für die Zukunft geplant. Diskutiert werden auch Anwendungen des Bt-Maises von Novartis. Da befinden wir uns aber noch ganz am Anfang der Gespräche.

Befürchten Sie nicht, dass die Agrokonzerne Entwickungsländer dazu miss-brauchen könnten, eine Technologie anzuwenden, die sie in Europa nicht verkaufen können?

Wir entscheiden in Kenia autonom, unabhängig von Europa oder anderen Ländern.

Sie glauben nicht, dass diese Länder Versuchsfelder der Firmen und Organisationen aus den industrialisierten Ländern sein könnten?

Nein, weil wir die Prioritäten setzen und die Entscheidungen treffen. Ob wir eine Technologie entwickeln und anwenden wollen, ist eine Entscheidung, die ganz alleine in Kenia getroffen werden muss. Allerdings verlangen wir, dass alle Fakten auf den Tisch gelegt werden, dass Transparenz herrscht.

Angenommen, Sie können dieses Gentech-Saatgut entwickeln. Wird es für die Bauern erschwinglich sein?

In Kenia tauschen die Bauern einerseits das Saatgut untereinander aus. Andererseits kaufen sie auch Saatgut dazu. Ich gehe davon aus, dass sie resistente Kartoffeln kaufen würden. Natürlich müssen die Kosten gegenüber dem Nutzen verhältnismässig sein. Wenn dieses Verhältnis stimmt, haben wir keine Absatzschwierigkeiten.

Gen- und Biotechnik in der Landwirtschaft sind in Europa höchst umstritten. Die Mehrheit der Bevölkerung will im Moment von gentechnisch manipulierten Lebensmitteln nichts wissen. Was sagen Sie zu dieser abwehrenden Haltung?

Wir nehmen diese Kritiken zur Kenntnis. Allerdings sind wir auch der Meinung, dass diese Bedenken in eine Gesamtschau einbezogen werden müssen. Wir wollen diese Technologie in Afrika anwenden, weil wir die Erträge steigern müssen. Es sind Hunger und Unterernährung, die uns dazu bringen, zu sagen: Wir brauchen diese Technologien. Es geht in Afrika nicht um Profit oder ökonomische Aspekte wie in Europa, sondern darum, die Bevölkerung zu ernähren. Wir nehmen die Diskussion in Europa wahr. Wir wiegeln nicht ab, wir sagen nicht, die Vorbehalte seien grundlos, aber wir plädieren dafür, Probleme wissenschaftlich zu lösen.

Wenn Kritiker in Europa also sagen, die Gen- und Biotechnik berge Gefahren für Mensch und Umwelt, dann stimmen Sie diesen Vorbehalten zu?

Das sagte ich nicht. Aber wenn kritisiert wird, die Biotechnologie sei aufgrund ihrer Risiken nicht sinnvoll für Afrika, dann entgegne ich, wir sehen diese Gefahren auch. Aber es bringt nichts, allgemein über eine Technologie und ihre Probleme zu diskutieren, sondern wir müssen konkrete Produkte evaluieren. Im Fall des Gentech-Maises beispielsweise müssen wir die Fragen zu seiner Umweltverträglichkeit, dem Ertrag und seiner Sicherheit für die menschliche Gesundheit beantworten. Kommen wir zu einem positiven Fazit, dann steht einem Anbau nichts im Weg.

Nehmen wir die so genannte Terminator-Technologie, die dazu dienen soll, dass Saatgut von Gentech-Pflanzen nicht mehr keimfähig ist. Zwar hat Monsanto vor kurzem aufgrund der Opposition verlauten lassen, sie stoppe die Entwicklung. Aber ähnliche Systeme werden dennoch entwickelt.

Wir kennen dieses System und haben es vor dem Hintergrund der kenianischen Landwirtschaft studiert. Achtzig Prozent der Bauern Kenias sind Kleinbauern, die ihr Saatgut selbst vermehren und weitergeben. Aufgrund dieser Situation haben wir als einer der ersten Länder gesagt, dass uns eine Technologie wie jene der Terminator-Technologie nicht passen würde.

Stichwort Biodiversität. Kritiker befürchten, dass Gentech-Pflanzen diese Vielfalt bedrängen könnten.

Wir besitzen eine grosse Pflanzenvielfalt. Aus diesem Grund nehmen wir die Befürchtungen über die Wirkungen von Monokulturen und das Auskreuzen fremder Gene auf Wildpflanzen ernst. Wir sind auch dagegen, dass konventionelle Hybrid-Sorten grossflächig angebaut werden, weil sie die Vielfalt bedrohen könnten. Unsere Bauern wollen nicht nur Mais, sie wollen Bananen, Bohnen etc. Die Gefahr der Verödung durch die Gentechnik sehe ich nicht, weil Interesse an der Vielfalt herrscht.

Ein Streitpunkt zwischen Nord und Süd betrifft die Rechte an den Genen und der Technologie. Entwicklungsländer verlangen freien Zugang, gleichzeitig verwahren sie sich dagegen, dass Gene aus Pflanzen patentiert werden.

Was die Patentrechte betrifft, so handelt es sich in der Tat um eine schwierige Situation. Der grösste Teil der Bio- und Gentechnik ist durch Patentrechte im privaten Sektor abgedeckt. Öffentliche Institutionen und Regierungen haben wenig Ressourcen, um die Technologie zu entwickeln. Wir brauchen Mechanismen, welche die Innovationen allen verfügbar machen. Wir arbeiten in Kenia sowohl mit dem privaten Sektor als auch multinationalen Instutionen zusammen, um den Zugang zu dieser Technologie zu erleichtern. Gleichzeitig schützen wir auch unsere Ressourcen, so weit wir das können.
Interview Stefan Stöcklin

Forschungsinstitut in Nairobi
Rolle der Biotechnologie


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